Stuttgart, 7. April 97

Kurz nach 14 Uhr am Stuttgarter Hauptbahnhof. Ich stehe am Bahnsteig, an dem gleich Samarpan ankommen wird, und nicht zuletzt aufgrund meiner christlichen Konditionierung überkommt mich eine absolute Ehrfurcht bei dem Gedanken: ‘Vor zweitausend Jahren gab es Jesus; den Sohn Gottes. Und jetzt ist er wiedergekommen. Und in wenigen Minuten kommt er hier an Gleis 18 an. Gott (!) kommt, und ich (!!) hole ihn ab. Ich!!! Ich kleines Menschlein! – Wahnsinn!’ Wenn ich all die anderen Leute ansehe, die in ihrem Tran umherlaufen und keine Ahnung davon haben, wer hier gleich ankommen wird: VERRÜCKT!!! – Noch zwei Minuten: Mann, bin ich aufgeregt! Noch eine, oh, Gott. Jetzt sehe ich die drei Lichter des Zuges. Ohgottohgottohgott! Gleich wird mir Gott gegenüber treten! Wahnsinn, ich bin fix und fertig. Oh, Gott, da kommt ER, da kommt Gott. Ich stehe mit tränenüberströmtem Gesicht da, mache ein paar unsichere, wackelige Schritte auf ihn zu ... oh, Gott, meine Nerven ... Gott kommt auf mich zu ... meine Knie versagen fast ihren Dienst ... Gott breitet seine Arme aus ... oh Gott ... ich schmelze dahin, und Gott drückt mich fest an sich. Ohgottohgottohgottohgott! Gott ist wieder da!! Jesus ist wieder da!!! Und hält mich im Arm!!! Mich!!! Mich kleines Menschlein! Solch eine Ehre. Unglaublich! Keiner im ganzen Stuttgarter Hauptbahnhof weiß, dass Gott gekommen ist! Es ist nicht zu fassen. – Einige Minuten stehen wir still da, und ich halte Samarpan ganz fest, denn ich bin vollkommen unfähig, irgendetwas anderes zu tun. Schließlich werde ich etwas ruhiger, wir lösen uns voneinander und sehen uns an. Samarpan ist wieder da!!! Es ist unfassbar! Schweigend gehen wir durch die große Vorhalle in Richtung Parkplatz und wenn ich darüber nachdenke, dass ich mit dem abermals Fleisch gewordenen Gott hier unerkannt herum laufe, wird mir ganz schwindelig ...

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